Tagungsbericht XVII. Dialogseminar Nord-Süd Chiapas 2014

ISIS-Institut

Institut zur interdisziplinären und interkulturellen Erforschung von Phänomenen sozialer Exklusion e.V.

Fokus 2016: Die interkulturelle Transformation akademischer Ausbildung als Beitrag zum Aufbau eines gerechten und solidarischen Zusammenlebens der Kulturen der Menschheit

Tagungsbericht Nord-Süd-Dialogprogramm San Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko 2014

Gerechtigkeit, Erkenntnis und Spiritualität.

 

Epistemologische Gerechtigkeit: Grundlage eines gerechten und solidarischen Zusammenlebens der Kulturen der Menschheit.

 

 

Auf der Suche nach Alternativen zum vorherrschenden monokulturellen Entwicklungs- und Zivilisationsmodell, welches kulturelle und religiöse Diversität unterdrückt und die materiellen und sozialen Grundlagen für eine gemeinsame Zukunft der Menschheit zunehmend zerstört, bricht die Frage auf: wie ist diese Dynamik aufzuhalten und in eine neue Richtung zu lenken?

 

Diese Frage bildete den Ausgangspunkt für die Arbeit des XVII. Internationalen Seminars des Dialogprogramms Nord-Süd, das vom 14.-18. Juli 2014 in San Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko stattfand. Kernanliegen dieses von der Universidad de la Tierra-Cideci und dem Isis-Institut gemeinsam durchgeführten Treffens war es, Perspektiven aufzuzeigen, wie das asymmetrische Machtverhältnis zwischen den Kulturen der Menschheit überwunden und ein offener Horizont für die Zukunft der einen Menschheit gestiftet werden kann. Dr. Raymundo Sánchez, Rektor der Universidad de la Tierra-cideci, richtete herzliche Begrüssungsworte an die Seminarteilnehmer und lud diese ein, im Erfahrungsaustausch an dieser Art die Realität „zu betrachten, wahrzunehmen, zu reflektieren, zu kämpfen und zu transformieren“ teilzunehmen, und gemeinsam Perspektiven für die Entwicklung einer Erkenntnis zu erarbeiten, die ein gerechtes und solidarisches Zusammenleben der Menschheit ermöglicht.

 

In seinem programmatischen Einführungsvortrag erläuterte Raúl Fornet-Betancourt, Initiator und Koordinator dieses internationalen Dialogprogramms, die Bedeutung der Frage nach dem Verhältnis von Gerechtigkeit, Erkenntnis und Spiritualität im Kontext der Gegenwart und als Grundlage für ein vorgeschlagenes Projekt zum Thema „Gerechtigkeit, Erkenntnis und Spiritualität“. Intention dieses langfristige, interkontinentale Forschungsprojekts sei, mit den Wissens- und Weisheitskulturen der Menschheit eine spirituelle Erneuerung einzuleiten, die zur Entwicklung einer gelingenden Humanität beiträgt. (Quelle: noch unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags). Daher sollte sich dieses Seminar vorrangig mit zwei zentralen Voraussetzungen für die angestrebte Neuausrichtung des Verhältnisses der Wissenskulturen befassen: a) die Überwindung der hegemonialen Wissenskultur und ihrer anthropologischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen für die Diversität der Menschheit; und b) die Rückgewinnung der Spiritualität als eine ursprüngliche Erfahrung kritischer Freiheit.

Für die Bearbeitung dieser Themen gliederte sich das Seminar in drei Sektionen, die Arbeitsgruppen und öffentlichen Podien zu drei thematischen Schwerpunkten umfassten: Im Mittelpunkt der ersten Sektion stand ein Erfahrungsaustausch über die Universidad de la Tierra-cideci, der sich darauf richtete, praktisch-epistemologische Dimensionen des Projekts dieser interkulturellen Universität auszuloten. Sodann wurde in der zweiten Sektion die Frage nach dem hegemonialen Wissensmodell und dessen Konsequenzen für die kulturelle und religiöse Pluralität der Menschheit aufgeworfen, um die aktuellen Bedingungen für eine Korrektur und Neuausrichtung des Verhältnisses der Kulturen – in den Ländern des Südens und des Nordens – zu prüfen. Die dritte Sektion vertiefte das Verhältnis von Spiritualität und Erkenntnis, indem es deren notwendige Verbindung für die Gerechtigkeit in der Welt erörterte. Dieser Erfahrungsaustausch mündete in die Bildung kontinentaler Arbeitsgruppen, die ihre Arbeitspläne in der letzten Sektion dieses XVII. Internationalen Seminars des Dialogprogramms Nord-Süd präsentierten und damit unter Beweis stellten: die Weiterarbeit am gemeinsamen Forschungsprojekt hatte bereits begonnen.

 

In eine kurzen Übersicht sollen die Hauptlinien der Arbeit dieses Seminars skizziert und offene Fragen festgehalten werden, die zur Vertiefung im Rahmen des vorgeschlagenen Forschungsprojekts anregen.

Im Mittelpunkt der ersten Sektion stand ein Erfahrungsaustausch über die Universidad de la tierra-cideci. Mitglieder der cideci-Arbeitsgruppe erläuterten ihren persönlichen Zugang zum Thema Interkulturalität und zeigten auf, wie sie ihre ethisch-politische Option für den Anderen in seiner Alterität in verschiedene Lebensbereiche hinein ausbuchstabieren (z.B. in die Erziehungs- und Bildungsarbeit, in die Zusammenarbeit mit sozialen und politischen Gruppen und Bewegungen, in die Pastoral und Menschenrechtsarbeit) und damit zum gemeinsamen Projekt – dem Aufbau einer Welt, in der viele Welten Platz haben – beitragen.

 

In dieser perspektivischen Annäherung an die Praxis der Interkulturalität als ein „Lernen, gemeinsam unterwegs zu sein“ wurde ihre zentrale Dynamik deutlich: die Universalisierung der Option für die gleichberechtigte Anerkennung der Alterität des Anderen, die auf eine wechselseitige Begleitung der Kulturen zielt, die diese in Selbstbestimmung und Freiheit aufblühen lässt.

 

Die Bedeutung und Tragweite dieser Option erschloss sich in einer interdisziplinären und interkulturellen Verständigung über den Kontext der Gegenwart, der von einem hegemonialen Entwicklungsmodell mit einschneidenden anthropologischen, sozialen und kulturellen Folgen (Sylvia Marcos; Xóchitl Leyva; Jorge Santiago) für die kulturelle und religiöse Diversität geprägt ist (Fernando Zapata; Gustavo Esteva). Zu den wichtigsten Erkenntnissen aus dieser Debatte zählt die Einsicht in den Ursprung des Problems: der Verlust der Relationalität als ursprünglicher Erfahrung einer tiefen Beziehung des Menschen zu seiner Subjektivität, zum Anderen und zur Natur. Dabei lassen sich zwei Aspekte dieses Verlustes unterscheiden: die Zerstörung der Relationalität und die Entfremdung von dieser spirituellen Grunderfahrung. Denn zum einen zerstört die Kolonisierung die kontextuellen Grundlagen dieser ursprünglichen Erfahrung von Gemeinschaftlichkeit (comunalidad), und zum anderen kommt es durch die Verinnerlichung der Kolonisierung zur Entfremdung und Abkehr von der als minderwertig betrachteten Kultur, die für die Bewältigung der Gegenwart keine hinreichenden Ressourcen bietet. Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen sollte, wie die Beiträge aus der cideci-Arbeitsgruppe anregten, die Überwindung des asymmetrischen Verhältnisses zwischen den Kulturen bei der Rückgewinnung dieser Relationalität ansetzen, die für die hegemoniale Kultur ebenso wie für die von hegemonialer Dominanz betroffene Kultur einen Lernprozess mit spezifischen praktisch-epistemologischen Herausforderungen impliziere. Für erstere lägen diese in der De-konstruktion des Universalitätsanspruchs und der Öffnung des eigenen Denkens für andere Rationalitätsformen (Xóchitl Leyva), eine Pluralität von Realitäten (Jean Robert) und die Achtung der Würde anderer Kulturen (Raúl Vera) sowie in der Bereitschaft zu solidarischer Zusammenarbeit (Rosaluz Pérez). Für die unterdrückten Kulturen hingegen bestünden die praktisch-epistemologischen Herausforderungen dieses Lernprozesses in der De-konstruktion verinnerlichter Kolonialisierung und vorrangig in der Entwicklung einer kritischen Spiritualität (Xuno López). Letztere befähige dazu, die eigenen Ausdrucksformen der Relationalität des Menschen in ihrer Geschichtlichkeit zu erkennen, und ermutige, die Relationalität neu zu denken und für die Gegenwart zu transformieren, damit sie zum Aufbau einer gelingenden Humanität beitragen kann.

 

Die Erfahrungsberichte und Reflexionen über die Praxis der Interkulturalität zeichneten ein differenziertes Bild dieses praxis-orientierten Lernprozesses als „Lernen, gemeinsam unterwegs zu sein“. Als dessen bedeutendstes Element hoben sie die Entwicklung einer interkulturell und interreligiös inspirierten Erkenntnis hervor, die aus diesem Lernprozess wechselseitiger Begleitung hervorgeht.

 

Die beiden folgenden Sektionen nahmen zentrale Themen aus diesem Erfahrungsaustausch auf, um sie im Dialog mit Referenten aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa weiter zu entwickeln: a) die Frage nach dem Ursprung des asymmetrischen Machtverhältnisses zwischen den Kulturen, nach kontextuellen Varianten und Konsequenzen dieses Problems (Sektion 2); und b) das Verhältnis von Spiritualität und Erkenntnis als Perspektive für ein gerechtes Zusammenleben der Kulturen (Sektion 3). Diese Debatte intendierte, ein gemeinsames Forschungsprojekt vorzubereiten und auf den Weg zu bringen, das mit der Neubestimmung des Verhältnisses von Gerechtigkeit, Erkenntnis und Spiritualität zum Aufbau eines gerechten und solidarischen Zusammenlebens der Kulturen der Menschheit beiträgt.

 

Die Diskussionsbeiträge der zweiten Sektion setzten sich vor allem aus philosophischer (Bernal Herrera), philosophiegeschichtlicher (Hans Schelkshorn), sozialethischer (Michelle Becka) und entwicklungspolitischer Perspektive (Beat Dietschy, Boniface Mabanza) mit dem vorherrschenden Modell der Wissenskonfiguration auseinander und erörterten seine Konsequenzen für die kulturelle und religiöse Pluralität der Menschheit (Rolando Vázquez). In einer kritischen Auseinandersetzung über den Verlust der Relationalität, der die Zivilisation heute prägt, verortete Raúl Fornet-Betancourt die Ursache des Problems in einem dreifachen Bruch, den die Positivierung der Beziehung des Menschen zu seiner eigenen Subjektivität, zum Anderen und zur Natur bedeutet. Dabei kam die de-humanisierende Dynamik in den Blick, die von diesem dreifachen Bruch ausgeht: die Trennung von den spirituellen Wurzeln gelingender Humanität ebnet den Weg für eine kulturelle Dominanz, die mit der Zerstörung der kontextuellen Grundlagen der Relationalität die humanisierenden Quellen in den unterdrückten Kulturen austrocknet. Umgekehrt wirkt, wie in der Debatte hervorgehoben wurde, diese Dynamik auf die hegemoniale Kultur zurück, in dem sie die Fundamente gesellschaftlichen Zusammenlebens aushöhlt und derart den Zerfall der Zivilisation einleitet. Angesichts dieser kritischen Zeitdiagnose drängte sich die Frage auf: Wie kann die Philosophie ethische Verantwortung für die Gegenwart übernehmen?

 

Die erste Sektion hatte einen Lösungsansatz zur Diskussion gestellt: die Entwicklung einer kritischen Spiritualität als Perspektive für die Neubestimmung des Verhältnisses der Kulturen. Dieser Vorschlag diente als Leitfaden für die dritte Sektion, die das Verhältnis von Spiritualität und Erkenntnis und dessen Bedeutung für die Gerechtigkeit in der Welt fokussierte. Ausgangspunkt der Debatte bildete eine interkulturelle und interreligiöse Annäherung an das Verhältnis von Spiritualität und Erkenntnis. Sie gab Einblick in die utopisch-realistische Kraft und das sozialkritische Potential der Spiritualität, wie sie in andinen Kulturen lebendig ist (Diego Irarrázaval), warnte jedoch umgekehrt vor der Gefahr einer Instrumentalisierung der Verbindung von Spiritualität und Erkenntnis zur Sicherung eigener Machtinteressen (Hyondok Choe, Wilmer Tria). Auf dem Hintergrund dieser kontrastierenden Erfahrungen wurde das Profil einer kritischen Spiritualität präzisiert, die zur Überwindung der hegemonialen Wissenskonfiguration und zum Aufbau eines gerechten und solidarischen Zusammenlebens der Kulturen beitragen kann (Josef Estermann). Das Hauptinteresse richtete sich auf die Außenperspektive, die eine kritische Spiritualität zum vorherrschenden Denk- und Handlungshorizont bietet. Denn sie legt die Geschichtlichkeit der Formen frei, in denen sich die Beziehung des Menschen zur eigenen Subjektivität, zum Anderen/zur Gesellschaft und zur Natur/zum Kosmos konkretisiert und ermöglicht, diese Formen der Beziehung neu zu denken und zu transformieren. Exemplarisches Beispiel für diese transformative Kraft, die von einer kritischen Spiritualität ausgeht, bot ein aktuellen Projekt (Kattia Castro/Mario Méndez), das auf die Revision und Neuausrichtung von Erziehung/Bildung in Funktion einer Konvivenz in Gerechtigkeit zielt. Die Präsentation dieses Projekts eröffnete neue Perspektiven für eine Praxis der Interkulturalität, die bei der Dynamik struktureller Ungerechtigkeit ansetzt und darauf zielt, diese zu unterbrechen und durch eine andere Dynamik zu ersetzen, die strukturelle Gerechtigkeit hervorbringt.

 

Die Diskussionsbeiträge dieser dritten Sektion zeigten vielversprechende theoretisch-praktische Perspektiven für die Weiterarbeit im Rahmen des vorgeschlagenen Forschungsprojekts „Erkenntnis, Gerechtigkeit und Spiritualität“ auf, aus der die Erforschung der Verbindung von kritischer Spiritualität und Freiheit als zentrale Leitlinie hervorging. Mit der Konstituierung kontinentaler Arbeitsgruppen (Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika) und der Ausarbeitung konkreter Arbeitspläne wird ein langfristiges, interkontinentales Forschungsprojekt auf den Weg gebracht, dessen Generalkoordination Raúl Fornet-Betancourt wahrnimmt. Die kontinentalen Arbeitsgruppen stellten ihre Arbeitspläne beim Abschlusstreffen dieses XVII. Internationalen Seminars des Dialogprogramms Nord-Süd vor und setzten damit den Ausgangspunkt für die gemeinsame Forschungsarbeit, die mit der Entwicklung einer interkulturell und interreligiös inspirierten Erkenntnis eine neue Beziehung zwischen den Kulturen und eine Konvivenz in Gerechtigkeit stiftet.

 

Ein Hinweis: Wir alle bisherigen Tagungen dieser Veranstaltungsreihe, wird die Arbeit dieses Seminars in einem Dokumentationsband veröffentlicht. Er wird sämtliche Vorträge und Diskussionsbeiträge in ungekürzter Fassung enthalten und zur persönlichen Vertiefung und Weiterarbeit einladen.